Ein Jahr danach

Neulich habe ich einen langen Post auf Facebook veröffentlicht, der mich einiges an Mut gekostet hat. Das positive Feedback jedoch hat mich darin bestärkt, dass es richtig war. Daher veröffentliche ich ihn auch hier:

Ein Jahr danach

Vor einem Jahr bin ich zum Ayahuasca in den peruanischen Dschungel aufgebrochen. Nicht weil ich so abenteuerlustig war, sondern weil ich keine Alternative mehr wusste. Auf dem Bild sehe ich fröhlich aus, aber der Schein trügt. Ich war an einem der dunkelsten Punkte in meinem damals 37-jährigen Leben. Ich hatte achteinhalb Monate hinter mir, in denen es mir oft schwer fiel, morgens überhaupt aufzustehen. Die Wochenenden habe ich meist durchgehend im Bett verbracht, weil die Scharade zwischen Montag und Freitag all meine ohnehin schon begrenzte Energie komplett aufgezehrt hatte. Als ich am 13. September 2017 in den Flieger nach Peru stieg, hatte ich zwar unbeschreibliche Angst, dass mich der peruanische Dschungel verschlingen würde, doch ich wusste, wenn ich es nicht tue, wird der Berliner Dschungel es tun.

Zum Glück hat mich niemand verschlungen. Im Gegenteil, heute geht es mir gut. Ich habe ein fantastisches, inspiriertes, lebensbejahendes Jahr hinter mir und bin froh, diese Reise angetreten zu haben. Ich spüre mehr denn je den Boden unter meinen Füßen, habe ein offenes, vibrierendes Herz und habe die einfachen Dinge wieder zu schätzen gelernt. Auch habe ich – und das kam wirklich unerwartet – eine Liebe zum Amazonas und seinen Bewohnern entwickelt, die meinen Blick für globale Verflechtungen geschärft hat. Die sozio-ökologischen Übergriffe im Amazonasbecken lassen mich heute, ein Jahr später, vor Wut und Entrüstung manchmal nicht einschlafen. Das ist etwas Gutes. Trotz der unruhigen Nächte. Denn wie nie zu vor bin ich heute eine Weltbürgerin, die sich ihrer Privilegien und ihrer Verantwortung in unserem gesellschaftlichen Gesamtgefüge bewusst ist.

Dennoch bleibt in der Rückschau das ungute Gefühl, dass es erst soweit kommen musste. Es hat Monate gedauert, bis ich über die wahren Umstände meiner Reise offen sprechen konnte. Viele meiner damaligen Versuche, Unterstützung in meinem Umfeld zu finden, sind grandios ins Leere gelaufen. Kein Wunder: Ich war bis dahin die Person, die man fragt, wenn man in Not ist. Ich war die Schulter, an die man sich anlehnt. Die Person, die mit ihrer Energie Räume zum Leuchten bringt. Die keine Angst hat aufzustehen und den Mund aufzumachen. Diese Person kann doch nicht einfach die Seiten wechseln!

Depression hat viele Gesichter. Oftmals, nicht gerade selten, lacht sie dir mitten ins Gesicht – weil es der einzige Weg für den Betroffenen ist, durch den Tag zu kommen.

Ich wünsche mir für alle, die in diesen dunklen Strudel geraten, dass sie auf Menschen treffen, die den Mut haben, diese Fassade zu durchbrechen. Die den Mut haben, ihre eigene Hilflosgkeit zu ertragen beim Versuch, das Richtige zu tun. Dieser Versuch mag scheitern und Widerstand erzeugen. Er mag ein riesiges Theater heraufbeschwören, denn alles was Angehörige versuchen, ist im Auge des Betroffenen mit hoher Sicherheit falsch. Das ist ein perfider Teil des dunklen Strudels. Doch nichts zu tun, aus Angst das Falsche zu tun, ist das einzig Falsche was man tun kann.

Also, liebe Leute, die Ihr bis hierhin gelesen habt, seid mutig: Habt den Mut, das Richtige zu tun, das sich so wahnsinnig falsch anfühlt. Nicht jeder hat die Kraft, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen und allein so eine verrückte Reise anzutreten. Wenn Ihr nicht wisst, was Ihr sagen sollt, empfehle ich, einfach die Klappe zu halten und da zu sein. Nichts sagen und Tee kochen. Aushalten. Anwesend sein. Nicht wegschauen. Euch fragen, wie wichtig euch dieser Mensch in eurem Leben ist. Auf einer Skala von 1 bis 10 ist alles über 2 den Versuch wert, am Ball zu bleiben. In jeder Stadt gibt es Krisendienste und psychotherapeutische Ambulanzen, die man für denjenigen, der es gerade nicht selbst tun kann, anrufen kann. Oder Hausärzte, zu denen man jemanden begleiten kann.

Und wenn alle Stricke reißen, gibt es den Amazonas mit all seinen Geheimnissen und magischen Heilpflanzen. Ich kann ihn nur empfehlen.

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