Heute in Chemnitz

Heute in Chemnitz

Mensch Karl, altes Haus, was musst du hier mit ansehen! Welch Demütigung muss es für dich sein, hier auf deinem Sockel zu stehen und Zeuge zu werden, wie das Proletariat zwar die Straßen stürmt, doch den Klassenkampf in einen Rassenkampf verwandelt.

Als Globetrotter und politischer Flüchtling, überzeugter Gutmensch und weiser, alter Mann musst du mit ansehen, wie sich die Proletarier aller Länder von einander spalten statt sich im Interesse eines gemeinsamen humanistischen Ziels zu vereinigen, wie es deine große Vision war.

Als Journalist, welch eine Farce muss es für dich sein, zum medialen Symbol für ein Ereignisses zu werden, das dir selbst das Blut hätte in den Adern gefrieren lassen. Zum Motiv für eine Botschaft, die deiner eigenen nicht hätte fremder sein können.

Doch hey, alter Mann, du stehst noch hier! Obwohl sich deine Ideen als nicht praktikabel erwiesen haben. Selten hat jemand so falsch gelegen und doch so gut verstanden wie du. Wir konnten nicht richtig mit dir, aber wir können ganz sicher auch nicht ohne dich. Vor allem jetzt nicht, wo einer die Stellung halten muss.

Deshalb hoffe ich, dass du es mit Fassung trägst. Da zu stehen, im Auge des Sturms, und dem Pöbel zu trotzen mit deiner übergroßen Präsenz. Erhaben über die Dinge, als zeitloses Symbol für Solidarität und Humanität. Tonnen schwer und unverrückbar.

Welch Demütigung muss es erst für das verwirrte Volk sein, ausgerechnet unter deinen Augen seine Menschlichkeit zu verlieren? Schade nur, dass sie es nicht einmal bemerken.

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