Spanisch ziemlich rápido – Teil 2

Als ich im Dezember 2017 einen A1 Spanischkurs begann, ahnte ich nicht, wie besessen ich bald von dieser Sprache sein würde. Heute, neun Monate und drei Niveau-Stufen später, bin ich überrascht, wie schnell man eine Sprache lernen kann ohne je Vokabeln gepaukt zu haben. Meine Tricks und Strategien dafür (die natürlich nicht nur für Spanisch funktionieren), hab ich in dieser Artikelreihe zusammengefasst.

Spanisch ziemlich rápido – Teil 2

Wer schreibt, der bleibt lernt

Schreiben hat mir schon immer Spaß gemacht. Dass das auf Spanisch nicht anders sein sollte, merkte ich bei meiner ersten Hausaufgabe: die erste Folge von „Stranger Things“ in der Vergangenheit nacherzählen.

Mein erster Text ging mir noch schwierig von der Hand, doch ich merkte bereits, dass ich dadurch sehr gut Vokabeln und vor allem komplexeres Formulieren lernte. Fortan schrieb ich jede Woche einen Text. Der erste war eine viertel Seite lang, zwei Monate später haute ich meinen Lehrer mit einer vierseitigen Zusammenfassung meiner Master-Arbeit von den Socken. Ich glaube, für meinen Lehrer war es jede Woche eine lustige Überraschung, was da jetzt wieder kommt. Denn ich hielt mich nie streng an die Aufgabe, sondern definierte sie immer für mich so um, dass sie etwas mit mir zu tun hatte.

Wissenschaft, Gesellschaft, Umweltschutz, Lateinamerika… Ich suchte mir immer Themen, über die ich mich auch auf deutsch gern unterhalten hätte. Themen, zu denen ich etwas zu sagen hatte. Jeder Text hatte eine ehrliche, ernst gemeinte und aus meinem Herzen kommende Botschaft. Niemals schrieb ich einen Text nur weil es eine Hausaufgabe war, sondern weil ich Gedanken loswerden wollte. Fernando, mein wunderbarer Lehrer (mit der schönsten Frisur des gesamten Lehrerkollegiums), war für mich dabei nie nur der Typ, der hinterher meine Fehler korrigiert, sondern immer ein Gegenüber, dem ich etwas Ehrliches, mir Wichtiges erzählen wollte. Ich habe die Hausaufgaben für mich im Kopf in eine echte, bedeutungsvolle Auseinandersetzung verwandelt. Dadurch entstanden Texte voller Energie und abgefahrener Vokabeln, die oftmals Konstruktionen benutzten, die deutlich über meinem aktuellen Niveau lagen.

Als ich irgendwann am Anfang von B1 mit meinem vierseitigen Pamphlet über mythische Strukturen in Geschichten und ihre Bedeutung für den Lernprozess des Menschen in den Unterricht kam, stand Fernando lachend und kopfschüttelnd vor mir und sagte:

Es gibt zwei Arten von Lernern: Die einen überlegen, was sie schon können und machen das Beste daraus. Die anderen fragen sich, was sie sagen wollen, und finden dann einen Weg.

Ich gehöre eindeutig zu Letzteren und kann diesen Ansatz nur empfehlen. Letztlich lernen wir eine Sprache, um unsere Gedanken auszudrücken. Warum sollen wir damit warten, bis wir irgendwann mal „fertig“ sind? Sich zuerst eine Botschaft zu überlegen und für sie dann die richtigen Worte zu suchen, gibt dem Lernprozess eine ganz persönliche Dimension, eine echte Bedeutung. Es ist erstaunlich, was man mit Hilfe von Google, Leo, Reverso und Linguee zustande bringen kann, wenn man sich nicht von der Beschränkung im eigenen Kopf abhalten lässt, dass man dieses oder jenes ja offiziell noch gar nicht sagen kann.

Über das Schreiben dieser „Ich hab was zu sagen“-Texte habe ich mir in kürzester Zeit ein gutes Vokabular aufgebaut, ohne jemals Vokabeln gelernt zu haben. Auch habe ich darüber grammatikalische Konstruktionen ganz natürlich entdeckt, die eigentlich erst später ein Thema im Lehrbuch waren. Als sie dann Wochen später offiziell im Unterricht besprochen wurden, konnte ich oft sagen: „Ach das! Alles klar, kenn’ ich schon.“


Weitere Artikel dieser Reihe:

Spanisch ziemlich rápido – Teil 1: Den richtigen Kurstyp wählen
Spanisch ziemlich rápido – Teil 2: Wer schreibt, der bleibt lernt
Spanisch ziemlich rápido – Teil 3: Kontakt mit Muttersprachlern suchen (trotz Angst)
Spanisch ziemlich rápido – Teil 4: In die Kultur eintauchen
Spanisch ziemlich rápido – Teil 5: Social Media en español
Spanisch ziemlich rápido – Teil 6: Wenn man sonst niemanden zum reden hat…

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